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Nachhaltige Finanzen werden immer wichtiger – für Politik, Verbraucher und die Finanzbranche selbst

Claudia Tober ist eine der Geschäftsführerinnen beim Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V. (FNG). Das FNG ist seit 2001 der Fachverband für nachhaltige Geldanlagen in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit heute im Finanzsektor und was geschieht auf politischer Ebene, um das Thema voranzubringen?

Tober: Nachhaltigkeit ist heute ein Schlüsselthema im Finanzsektor. Mit den globalen nachhaltigen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals – SDGs) und den Klimazielen von Paris hat sich die internationale Gemeinschaft ehrgeizige Ziele gesetzt. Nach eigenen Schätzungen muss die Europäische Union allein zur Umsetzung der Klima- und Energieziele jährlich 180 Milliarden Euro an zusätzlichem Kapital mobilisieren. Ohne nachhaltig ausgerichtete öffentliche und private Investitionen wird diese gewaltige Aufgabe nicht zu stemmen sein. Aus diesem Grund wurde zunächst auf europäischer Ebene die High Level Group on Sustainable Finance 2017 eingerichtet, deren Ergebnisse in den EU-Aktionsplan für nachhaltiges Wirtschaften eingeflossen sind, der nun mit vier vorliegenden Legislativpaketen verhandelt wird. Auf nationaler Ebene hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung gemeinsam mit der Deutschen Börse – jetzt Green and Sustainable Finance Cluster Germany – den H4SF: Hub for Sustainable Finance ins Leben gerufen, der eine Plattform für alle Akteure der Nachhaltigkeit im Finanzsektor bietet. Zunehmend engagieren sich politische Institutionen mit Nachhaltigkeit auf allen Ebenen des Finanzmarktes: die Bundesministerien und die Bundesländer (z.B. mit der nachhaltigen Ausrichtung ihrer Versorgungsfonds) sowie die Finanzaufsicht und auch Kommunen im Rahmen ihrer Anlagen und Vermögensverwaltung (etwa über Divestment und entsprechendes Re-Investment).

Welche Tipps haben Sie für Verbraucher, die ihre Finanzen nachhaltig gestalten möchten?

Tober: Zuallererst sollten sich Verbraucher über ihre finanziellen Voraussetzungen und Ziele im Klaren sein, denn unterschiedliche Lebenssituationen erfordern unterschiedliche Anlagestrategien. Bei der Klärung, wie das eigene Anlagen-Portfolio strukturiert sein soll, sind hier in erster Linie klassische Finanzziele wie Sicherheit, Liquidität und Rendite zu beachten. Danach folgt die Auswahl der Anlageformen.

Nachhaltigkeit selbst ist ein Begriff, der vielfältig ausgelegt werden kann. Auch sind persönliche Werte hier maßgeblich, um zu entscheiden welche Nachhaltigkeitskriterien einem besonders wichtig sind oder auch welche Strategie man selbst verfolgen möchte: Vermeiden, Fördern oder Engagieren. Es empfiehlt sich für beides, die jeweils wichtigsten Punkte zu notieren, um entsprechend im Beratungsgespräch oder mit Unterstützung von Orientierungshilfen die passenden Produkte auszuwählen.

Orientierungshilfen für nachhaltige Fonds gibt es viele: FNG-Nachhaltigkeitsprofile stellen kurz und vergleichbar die Nachhaltigkeitskriterien einzelner Fonds dar. Das FNG-Siegel bietet den ersten deutschen Mindeststandard ab und zeichnet mit seinem Stufenmodell von 1 bis 3 Sternen die unterschiedliche Nachhaltigkeitswirkung von Fonds aus.

Sie leiten die Geschäftsstelle des Forums Nachhaltige Geldanlagen. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich in der nachhaltigen Finanzbranche zu engagieren?

Tober: Als Volkswirtin, auch mit dem Schwerpunkt Umweltökonomie, hatte ich die Freude, beruflich überwiegend im Bereich der Nachhaltigkeit aktiv zu sein. Durch meine Zeit am Deutschen Bundestag habe ich mich sieben Jahre lang intensiv mit dem Finanzmarkt beschäftigt. Die Finanzbranche war für mich anfänglich noch ein etwas „unentdeckter“ Akteur, um nachhaltige Transformation zu unterstützen, obgleich gerade von der Finanzbranche große Hebeleffekte ausgehen können. Diese Erkenntnis setzt sich seit Jahren weiter durch.

Die aktuelle Klimaentwicklung und die politischen Beschlüsse zur Reduzierung der Auswirkungen des Klimawandels sind notwendige Faktoren, die Finanzdienstleister einbeziehen sollten, wenn sie langfristig erfolgreich wirtschaften möchten. Bereits heute sind die Risiken aus der Nichtbeachtung von Faktoren aus Klima, Sozialem und Governance hoch.